Sprachraub, brutal

Ich bin eine arme Maus. Als arme Maus brauche ich neben meinen Mehrfachjobs noch einen flexiblen Nebenjob. Dieser flexible Nebenjob dient in erster Linie der Finanzierung meines Bücherbedarfes – wobei sich schon mal die Frage stellt, wann ich diese Bücher denn lesen soll?! – Zwischen Job 1 und Job 2 oder zwischen Job 2 und Job 3 usw.

Jetzt habe ich mir also einen neuen Nebenjob geangelt. Der soll so zw. 50 und 100 Euro abwerfen. Das ist das Ziel.
Die Nebenjobsachen, das muss ich jetzt auch noch schnell loswerden, wurden übrigens über die Jahre immer prekärer. Früher hat man sich ja mal nen Tag an ne Kassa gestellt als Teilzeitkassiererin. Ein Tag, das war’s. Aber dann plötzlich: Dreimal die Woche 4 Stunden. Dann 5 Mal die Woche 2 Stunden. Und dann ist plötzlich nur noch Nebenjob. Das Leben, eine Nebenjobaneinanderreihung. Von 8-10h Job 1, dann von 10-12h Job 2, von 12-14h … Und natürlich sollte man in allen Nebenjobs fit sein. Die Chefs verstehen Durchhänger null – „Sind doch eh nur 2 h / Tag!“ Ach so!

Stopp. Zurück zum Thema: Mein neuer toller Nebenjob. Ich bin jetzt Contentsklave. Das halbe Internet, wenn nicht das ganze, ist voll von dem Zeug, was meine KollegInnen und ich produzieren. Suchmaschinenoptimierte Texte, die sich nicht selten als „Info“ ausgeben – LOL.

Anweisung (Beispiel):
250 Wörter (nicht mehr, nicht weniger)
Keywords die jeweils 6-7 mal vorkommen müssen: Keyword 1, Keyword 2, Keyword 3
Verdienst: max. 2,50 Euro (brutto natürlich)

OK, OK. Erledigt. Nächster Auftrag. Offensichtlich der gleiche Kunde. Thema: thematische Überschneidung zum 1. Auftrag 99%. OK, OK. Der erste Auftrag wurde zufriedenstellend erledigt, die Richtung scheint zu stimmen.

Und dann: Warnung. Copyright-Verstoss. Gegen welches Copyright habe ich denn verstoßen? Ach, gegen mein eigenes. Ach ne, das ist ja gar nicht (mehr) meines! Das ist …
Die haben mir meinen Stil enteignet. Denn es ging nicht um ganze Sätze o.s.ä., ne, um einzelne Phrasen. Die haben mir meine Sprache genommen. Und an die komm ich auch nimmer ran. Weil sie ja die Eigentümer sind. Von meinem Stil, meiner Art der Sprachanwendung. Und die sind knallhart. Manche Phrasen darf ich jetzt nicht mehr verwenden – die sind schon weg. Wenn ich den Nebenjob weiter ausübe, dann sind bald alle weg. Und dann was? Ich bin ich stumm und sie angeln sich den nächsten oder die nächste, zum Auspressen – und schon wieder ein stummer, weil seiner Sprache enteigneter, Mensch.
Dieser Wahnsinn muss gestoppt werden. Nieder mit dem Eigentumsrecht im Allgemeinen und dem an der Sprache im Besonderen! Schweine!

PS: Hier ein Bericht einer erfahrenen Kollegin:

Ich bin Autorin. Ich bin nicht jung, aber ich brauche das Geld. Ich erfinde Geschichten fürs Internet.
Das Internet bietet Chancen, die in Centbeträgen berechnet werden. Ich schreibe im Akkord, schaffe 14 Stunden am Tag, ich brauche mehr.


2 Antworten auf „Sprachraub, brutal“


  1. 1 Manuela 10. Juni 2011 um 17:56 Uhr

    Hast Du mal textbroker.de ausprobiert? Ich glaube da kannst Du selber bestimmen für wieviel Geld Du schreibst und für 200 Wörter kannst Du da schon locker 5 Euro bekommen, also einfach mal das Doppelte ;)

  1. 1 Die Guillotine als Internetfirma « Schorsch’s online Journal Pingback am 25. Mai 2011 um 0:32 Uhr
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