Archiv für Mai 2011

Sprachraub, brutal

Ich bin eine arme Maus. Als arme Maus brauche ich neben meinen Mehrfachjobs noch einen flexiblen Nebenjob. Dieser flexible Nebenjob dient in erster Linie der Finanzierung meines Bücherbedarfes – wobei sich schon mal die Frage stellt, wann ich diese Bücher denn lesen soll?! – Zwischen Job 1 und Job 2 oder zwischen Job 2 und Job 3 usw.

Jetzt habe ich mir also einen neuen Nebenjob geangelt. Der soll so zw. 50 und 100 Euro abwerfen. Das ist das Ziel.
Die Nebenjobsachen, das muss ich jetzt auch noch schnell loswerden, wurden übrigens über die Jahre immer prekärer. Früher hat man sich ja mal nen Tag an ne Kassa gestellt als Teilzeitkassiererin. Ein Tag, das war’s. Aber dann plötzlich: Dreimal die Woche 4 Stunden. Dann 5 Mal die Woche 2 Stunden. Und dann ist plötzlich nur noch Nebenjob. Das Leben, eine Nebenjobaneinanderreihung. Von 8-10h Job 1, dann von 10-12h Job 2, von 12-14h … Und natürlich sollte man in allen Nebenjobs fit sein. Die Chefs verstehen Durchhänger null – „Sind doch eh nur 2 h / Tag!“ Ach so!

Stopp. Zurück zum Thema: Mein neuer toller Nebenjob. Ich bin jetzt Contentsklave. Das halbe Internet, wenn nicht das ganze, ist voll von dem Zeug, was meine KollegInnen und ich produzieren. Suchmaschinenoptimierte Texte, die sich nicht selten als „Info“ ausgeben – LOL.

Anweisung (Beispiel):
250 Wörter (nicht mehr, nicht weniger)
Keywords die jeweils 6-7 mal vorkommen müssen: Keyword 1, Keyword 2, Keyword 3
Verdienst: max. 2,50 Euro (brutto natürlich)

OK, OK. Erledigt. Nächster Auftrag. Offensichtlich der gleiche Kunde. Thema: thematische Überschneidung zum 1. Auftrag 99%. OK, OK. Der erste Auftrag wurde zufriedenstellend erledigt, die Richtung scheint zu stimmen.

Und dann: Warnung. Copyright-Verstoss. Gegen welches Copyright habe ich denn verstoßen? Ach, gegen mein eigenes. Ach ne, das ist ja gar nicht (mehr) meines! Das ist …
Die haben mir meinen Stil enteignet. Denn es ging nicht um ganze Sätze o.s.ä., ne, um einzelne Phrasen. Die haben mir meine Sprache genommen. Und an die komm ich auch nimmer ran. Weil sie ja die Eigentümer sind. Von meinem Stil, meiner Art der Sprachanwendung. Und die sind knallhart. Manche Phrasen darf ich jetzt nicht mehr verwenden – die sind schon weg. Wenn ich den Nebenjob weiter ausübe, dann sind bald alle weg. Und dann was? Ich bin ich stumm und sie angeln sich den nächsten oder die nächste, zum Auspressen – und schon wieder ein stummer, weil seiner Sprache enteigneter, Mensch.
Dieser Wahnsinn muss gestoppt werden. Nieder mit dem Eigentumsrecht im Allgemeinen und dem an der Sprache im Besonderen! Schweine!

PS: Hier ein Bericht einer erfahrenen Kollegin:

Ich bin Autorin. Ich bin nicht jung, aber ich brauche das Geld. Ich erfinde Geschichten fürs Internet.
Das Internet bietet Chancen, die in Centbeträgen berechnet werden. Ich schreibe im Akkord, schaffe 14 Stunden am Tag, ich brauche mehr.

Einkommensabhängiges Kindergeld: die (End-)Lösung der Familienfrage für BezieherInnen niedriger Einkommen

blabla

Jugendminister Reinhold Mitterlehner (ÖVP) will nun Teilzeitarbeit aufwerten, den Ausbau der Kinderbetreuungsplätze vorantreiben und das einkommensabhängige Kindergeld stärker bewerben und ausbauen.

Weil die Botschaft ja nicht war, dass – nicht wenige – Frauen froh wären, wenn sie nicht aufgrund schlechter finanzialler Situation durch die sogenannte Doppelbelastung (in Wahrheit oft: Dreifachbelastung) total geschindet würden. Oder doch? Egal. Daher ist es nur konsequent, das Ergebnis eigenwillig umzudeuten, und fortan jenen Geld zulassen zu kommen, die es – im Vergleich zu anderen – gar nicht sooo dringend brauchen. Bevölkerungspolitik, ick hör dir trapsen.

Käthe Leichter hat sich übrigens schon in den 1920ern Jahren diesem Thema gewidmet. Der Traum der Proletin: Nicht mehr Lohn-, Haus- und Kinderarbeit, sondern „nur mehr“ Haus- und Kinderarbeit. Das ganze natürlich in einer Siedleridylle. – Die 1920er waren eben auch ziemlich mies.

PS: Die Ergebnisse im Detail werden ein andermal kommentiert.

Fast vergessen: derstandard.at

Eilmeldung: Aktionsgemeinschaft (ÖVP-nahe) sieht StudierendenStudenten-Image „in (den) Dreck gezogen“!

Ich auch:

Wenn das die Mutter Oberin wüsste!

Petting, Fucking, Afterbach, HIHI. Was muss eigentlich mit einem/r passiert sein, dass man mit sowas wirbt? 12 Jahre Katholeninternat mit Keuschheitsgürtel? Aber bitte übertreibt’s ned mit der „Rebellion“! Nicht dass ihr noch Schelte vom Pfarrer kassiert’s. Von daher ist darauf zu hoffen, dass es bei den wichtigen politischen Tätigkeiten der AG auch ja züchtig zugeht, z.B. beim Speed Dating:


Gewagt!

Aber schnell noch zurück zum Thema Imageschädigung und so. Können die AG-Fressen bitte damit aufhören, in der Öffentlichkeit ständig den Eindruck zu erwecken, Studierende seien verklemmte katholische Gestörte, die bei Wörtern wie „Petting“ und Co. neurotisch hihihi-en müssen? Weil: es hat einfach nicht jeder euren Schaden, AGler, seht das endlich ein. Danke!

Siehe derstandard.at mit Fotos.

Es war einmal …

… vor langer Zeit, da hat Broder noch nicht für erzreaktionäre Publikationen wie etwa die Weltwoche geschrieben, da hat er aber bereits Aufsätze für Bücher verfasst, zB für „Die Schere im Kopf. Über Zensur und Selbstzensur“. Ja, kaum zu fassen, das waren Zeiten, da hat man auch mal thematisiert, wie das so ist, wenn man als LöhnerIn in den Kommandostrukturen eines Medienunternehmens unterwegs ist: Nicht selten ziemlich mies. Mittlerweile ist das Thema „innere Pressefreiheit“ ziemlich aus der Mode, wie einiges andere mehr, und Broder kein sich kritisch gebender Irgendwielinker mehr.
Sein Beitrag in dem Büchel, aus dem Jahre 1984 stammend, ist, das kann man auf jeden Fall festhalten, nicht der beste im Buch. Aber kennzeichnend. Broder beschreibt dort, dass er schnell lernte: welche Themen man behandeln darf und welche nicht. Und dass er – Zufälle gibt es immer wieder, zuhauf –, kaum dass er festgestellt hatte, dass ein Thema nicht „geht“, auch schon das Interesse daran verlor. Der Beitrag ist, und das macht ihn durchaus lesenswert, die Reflexion eines Menschen darauf, wie er sich im Laufe der Zeit vollkommen anpasst – und dabei auch noch, wenn er sich denn nicht gerade zusammenreißt für einen solchen Beitrag für ein solches Büchel, erfolgreich verdrängt, dass er sich anpasst.
Als ich das unlängst las, dachte es mir u.A.: Broder hat da auch seine eigene weitere Entwicklung vorweg genommen. Denn das, was Broder heute macht, „geht“ definitiv, und dass er die von ihm behandelten Themen interessant findet, ebenso die Herangehensweise korrekt, ist anzunehmen.

Uuups.

Die rechtsextreme „Nationalsozialistische Arbeiterpartei Finnlands“ hat ihr Programm von der Nationalsozialistischen Partei Deutschlands abgekupfert. Lediglich der Begriff „Jude“ wurde durch „Moslem“ ersetzt.