Mit Marx „hinter Marx zurückfallen“

Was man liest, wenn man weiter liest:

Die einfache Warenzirkulation – der Verkauf für den Kauf – dient zum Mittel für einen außerhalb der Zirkulation liegenden Endzweck, die Aneignung von Gebrauchswerten, die Befriedigung von Bedürfnissen. Die Zirkulation des Geldes als Kapital ist dagegen Selbstzweck, denn die Verwertung des Werts existiert nur innerhalb dieser stets erneuerten Bewegung. Die Bewegung des Kapitals ist daher maßlos.(6)

Als bewußter Träger dieser Bewegung wird der Geldbesitzer Kapitalist. Seine Person, oder vielmehr seine Tasche, ist der Ausgangspunkt und der Rückkehrpunkt des Geldes. Der objektive Inhalt jener Zirkulation – die Verwertung des Werts – ist sein subjektiver Zweck, und nur soweit wachsende Aneignung des abstrakten Reichtums das allein treibende Motiv <168>
seiner Operationen, funktioniert er als Kapitalist oder personifiziertes, mit Willen und Bewußtsein begabtes Kapital. Der Gebrauchswert ist also nie als unmittelbarer Zweck des Kapitalisten zu behandeln.(7) Auch nicht der einzelnen Gewinn, sondern nur die rastlose Bewegung des Gewinnes.(8) Dieser absolute Bereicherungstrieb, diese leidenschaftliche Jagd auf den Wert (9) ist dem Kapitalisten mit dem Schatzbildner gemein, aber während der Schatzbildner nur der verrückte Kapitalist, ist der Kapitalist der rationelle Schatzbildner. Die rastlose Vermehrung des Werts, die der Schatzbildner anstrebt, indem er das Geld vor der Zirkulation zu retten sucht (10), erreicht der klügere Kapitalist, indem er es stets von neuem der Zirkulation preisgibt.(10a)


24 Antworten auf „Mit Marx „hinter Marx zurückfallen““


  1. 1 Smartie 14. Februar 2011 um 13:06 Uhr

    Ich versteh nicht so ganz, was du damit zeigen möchtest. :-?

  2. 2 umwerfend 14. Februar 2011 um 14:14 Uhr

    es gibt in teilen der linken die rede davon, dass man „hinter marx zurückfallen“ würde, wenn nicht gar „strukturell antisemitisch“ argumentiere, wenn man mal benennt, dass sich kapitalist_innen den ZWECK setzen, aus geld mehr geld zu machen – und erst dann, wenn sie sich diesen zweck gesetzt haben, bestimmten spielregeln unterworfen sind. im sinne von: die spielregeln eines wettbewerbs gelten für mich eben nur, wenn ich am wettbewerb teilnehme.

    oft haben die, die behaupten, man falle damit „hinter marx zurück“, im kapital nicht sonderlich weit gelesen. darauf spielt der titel an.

  3. 3 KHM 14. Februar 2011 um 15:10 Uhr

    Ich habe mal spaßeshalber in einer Diskussion mit einem der handelsüblichen antideutschen Kindersoldaten den letzten Teil des o.a. Zitats gepostet, allerdings ohne Quellenangabe. Und prompt – auf Pawlow ist halt Verlass! – hat dieser Trottel was von „verkürzter Kapitalismuskritk“ schwadroniert. .-) Die Debatte war dann sehr schnell beeendet …

  4. 4 umwerfend 14. Februar 2011 um 15:29 Uhr

    handelsüblichen antideutschen Kindersoldaten

    großartig! solchen bin ich vor kurzem auch wieder begegnet.

    typische phrasen:

    „du fällst hinter die tradition der wertkritik zurück!“
    - was soll das heißen? tradition ist an sich weder gut noch schlecht, also kein argument. sag‘ mal, was du mit wertkritik meinst und wo genau mein fehler liegt.
    --> anfall, gebrüll, keine erklärung.

    „negative aufhebung blablaba auschwitz“
    - erklär‘ das mal.
    --> anfall, gebrüll, keine erklärung.

    diese „kindersoldaten“ verstehen in wahrheit ihr eigenes gerede nicht und wenn man sie damit ein bissl ärgert, gehen sie in die luft. – zumindest, wenn sie in horden unterwegs sind. wenn man einen alleine trifft, kann das auch zu ner halbwegs vernünftigen debatte führen.

  5. 5 KHM 14. Februar 2011 um 16:18 Uhr

    „wenn man einen alleine trifft, kann das auch zu ner halbwegs vernünftigen debatte führen“

    Die „Bedingungen der Möglichkeit“ :-) sind dann zumindest besser als in den regelmäßig unsäglichen Online-Diskussionen. Da ist ja schnell mal der Punkt erreicht, dass so eine Figur, die argumentativ mit dem Rücken zur Wand steht, sich mit der Tour ‚ich hol gleich meinen großen Bruder, der zeigt euch dann wie stark ich bin‘ (i.e. name dropping, Zitat-Wüsten) aus der Nummer schleichen will. Oder es findet sich tatsächlich jemand, der dem bedrängten Gemeindemitglied zu Hilfe eilt, i.d.R. mit dem gleichen Schrott, der bereits x-fach bis zum Erbrechen kritisiert worden ist.

    Insofern halte ich Diskussionen mit dieser neu-rechten Klientel mittlerweile für reine Zeitverschwendung und würde mich nur noch dann darauf einlassen (und zwar ausschlielich im rl!), wenn es sich wirklich nicht vermeiden lässt.

  6. 6 Smartie 14. Februar 2011 um 22:59 Uhr

    @ KHM:

    Ja, das seh ich auch so. Richtig diskutieren kann man nur, wenn man den Menschen auch wirklich vor sich hat. Schön schreiben kann ja jede/r – da kann mensch dann trixen, blenden, täuschen. Erst face2face, im direken Kontakt zeigt sich dann das ware Wesen der Leute.

    @ umwerfend:

    danke für die erklärung. Ich bin in diesen Spezialdebatten leider nicht so drin. Für mich ist es einfach selbstverständlich, dass es halt Leute wie den Ackermann, den Westerwelle und den W. Bush gibt, die halt den Kapitalismus machen. Wusste nicht, dass das irgendwer leugnet und sich dabei auch noch auf Marx beruft.

  7. 7 umwerfend 14. Februar 2011 um 23:48 Uhr

    Für mich ist es einfach selbstverständlich, dass es halt Leute wie den Ackermann, den Westerwelle und den W. Bush gibt, die halt den Kapitalismus machen.

    du bist ein unfassbar schlechter fake. dass es den kapitalismus nicht gäbe, gäbe es den ackermann oder westerwelle oder bush nicht, hat hier nämlich niemand geschrieben. – und deine versuche, über diesen smartie-fake – „antinational, kritisch … smart ;-) – antinationale ins lächerliche zu ziehen, ist einfach nur FAD.

  8. 8 Thomas M. Wandel 15. Februar 2011 um 1:08 Uhr

    Freilich gibt es Leute „wie den Ackermann, den Westerwelle und den W. Bush“ – und denen gehört zu Recht alle Kritik. Aber – und ohne hinter Marx zurück zu fallen und mit ihm zu sprechen – sie verhalten sich wie und als „Charaktermasken des Kapitals“ (Marx). Meint: Das „automatische Subjekt“ (schon wieder Marx), also der Zwang zur Selbstverwertung des Kapitals, geschieht nur durch die Menschen hindurch, denn die Ware kann sich nicht selbst zu Markte tragen (sinngemäß Marx). Daraus allerdings wie @Smartie die Schlussfolgerung zu ziehen, dass die Ackermann, der Westerwelle und der W. Bush den Kapitalismus „machen“, hieße erstens „das Wesen des Kapitals als gesellschaftliches Verhältnis“ zu verkennen (schon wieder Marx) und im Umkehrschluss davon auszugehen, dass man nur Ackermann, Westerwelle und W. Bush durch die richtigen Menschen ersetzen muss, die keinen Kapitalismus „machen“ – und dann ist das Problem schon gelöst.
    Und @umwerfend: Leider fällst Du mit Deiner Erläuterung selbst auf diese Ebene zurück: „Es gibt in teilen der linken die rede davon, dass man „hinter marx zurückfallen“ würde, wenn nicht gar „strukturell antisemitisch“ argumentiere, wenn man mal benennt, dass sich kapitalist_innen den ZWECK setzen, aus geld mehr geld zu machen – und erst dann, wenn sie sich diesen zweck gesetzt haben, bestimmten spielregeln unterworfen sind. im sinne von: die spielregeln eines wettbewerbs gelten für mich eben nur, wenn ich am wettbewerb teilnehme.“
    Hier, pardon, verwechselst Du die schon in der Kapitalkonstitution gegebene alleinige Zwecksetzung des automatischen Subjekts (G-W-G´, oder auch ganz einfach: Aus eingesetztem Geld mehr Geld zu machen) mit den individuellen Zielen (Zwecken) der jeweiligen Funktionseliten des Kapitals. Und das sollte man auseinander halten. Denn es geht nicht in erster Linie um die Kritik des Verhaltens der Funktionseliten („Charaktermasken“) des Kapitals, sondern um die Kritik der Fetischkonstitution des Kapitals überhaupt, in der die Ackermänner eben nur Funktionselemente sind – fürstlich bezahlt, skrupellos, ohne soziales Gewissen. Deshalb eignen sie sich ja auch für diese Aufgabe. Aber die Ackermänner faktisch verantwortlich zu machen für das Funktionieren des „automatischen Subjekts“ fördert halt die These von den „gierigen Bankern“ und „gewissenlosen Spekulanten“, die an der „Krise Schuld sind“. Sie waren und sind aber nur die Erfüllungsgehilfen eines krisenhaften Zerfallsprozesses des warenproduzierenden Systems“. Wenn man das außer Acht lässt oder auf „persönliche Zwecksetzungen“ reduziert, ist man in der Tat in der Nähe eines „strukturellen Antisemitismus“, was hier (!) nur die Nähe zu einer unzulässigen Personifizierung gesellschaftlicher Verhältnisse meint (und es gibt genug Leute, die den „gierigen Banker“ nur allzu gern mit dem „gierigen jüdischen Banker“ gleichsetzen). Moishe Postone ging (sinngemäß) davon aus, dass es einen Hass auf das Unbegriffene, auf das Abstrakte des Kapitals gibt, und dass sich dieser Hass mit der, wie er es nannte, „historischen Fundsache“ der alten Judenfeindlichkeit zum modernen Antisemitismus verschmolz. Das meint „struktureller Antisemitismus“.
    Und zur ganzen Sache, weshalb man der einseitigen Anklage der Ackermänner und Co. widersprechen muss, ohne deren Kritik aufzugeben, gehört auch die Tatsache, dass gesellschaftliche Verhältnisse nicht nur von der einen Seite (Ackermänner) „gemacht“ und von der anderen Seite („die Ausgebeuteten“ oder wie auch immer) geduldet oder erlitten wird. Das Wesen der Kapitalverwertung besteht nun einmal in der Verwertung lebendiger Arbeit – so lange die Arbeiter nicht die Aufhebung dieser Kapitalverwertung anstreben, sondern statt dessen danach rufen, dafür kämpfen und streiken, möglichst umfassend verwertet zu werden („Arbeitsplätze!!!“), verhalten sie sich nur als Teil des automatischen Subjekts, wenn Du so willst, als die „Charaktermasken des variablen Kapitals“. Die wären dann auch alle namentlich herbei zu zitieren. Und in ihrer individuellen Zwecksetzung zu betrachten und zu kritisieren.
    Und in der Tat liegt die scheinbare Unüberwindlichkeit der gegebenen gesellschaftlichen Verhältnisse darin begründet, dass ihr Charakter, ihr Wesen von den meisten unerkannt bleibt: Die private Produktion gesellschaftlicher Produkte durch getrennte Produzenten, wobei die Vergesellschaftung erst im Nachhinein auf verkehrte Weise erfolgt. „Sie wissen es nicht, aber sie tun es.“ (auch Marx) – und das betrifft den Ackermann wie Lieschen Müller gleichermaßen. Da liegt die Aufgabe. „Hic rhodus, hic salta!“ hätte Marx gesagt.

    Beste Grüße

    TMW

  9. 9 umwerfend 15. Februar 2011 um 1:37 Uhr

    ja danke, ich halte das gerede vom „strukturellen antisemtismus“ für falsch. bin aber grad zu müde für ne richtige antwort – kommt morgen.

  10. 10 Smartie 15. Februar 2011 um 3:40 Uhr

    @ umwerfend:

    Jetzt check ich gar nix mehr. Ging es dir nicht darum, genau das aufzuzeigen?

    Ok, ich glaub, das Wort „machen“ war zu stark.

    Es geht doch einfach darum, dass es möglich sein muss, Kapitalisten auch moralisch ihr Fehlverhalten vorzuwefen, oder?

  11. 11 umwerfend 15. Februar 2011 um 11:42 Uhr

    @GULAG: bitte nicht ganz so pöbelig. bringt ja nix.

    @smartie: nein, fake, es ging und geht auch nicht um fehlverhalten.

  12. 12 Smartie 15. Februar 2011 um 15:21 Uhr

    Dann check ich nicht, was du willst. Bist du etwa auch „antideutsch“?

  13. 13 umwerfend 15. Februar 2011 um 17:09 Uhr

    @Thomas M. Wandel: bei schorsch gibt’s grad auch eine debatte. ich verweise mal drauf, weil ich noch einiges zu tun habe heute und vielleicht kann man die diskussion dort „drüben“ konzentrieren. es werden in etwa die gleichen punkte angesprochen:

    http://schorsch.blogsport.de/2011/02/14/mit-marx-hinter-marx-zurueckfallen/

  14. 14 umwerfend 15. Februar 2011 um 17:11 Uhr

    ja, smartie, ganz offensichtlich bin ich in wahrheit antideutsch. wenn ich nicht gerade antiimp an der nationalen befreiungsbewegungsfront bin. dass du mich so schnell enttarnst hast, spricht dafür, dass du den richtigen nick gewählt hast.

  15. 15 tee 15. Februar 2011 um 17:12 Uhr

    na so langsam kommt smartie doch in schwung! =d>

  16. 16 umwerfend 15. Februar 2011 um 17:42 Uhr

    ja, er/sie wird langsam zum richtigen blogsportie! das wird noch ein spaß.

  17. 17 Thomas M. Wandel 16. Februar 2011 um 22:12 Uhr

    @umwerfend: Tut mir Leid, gestern konnte ich mich da bei Schorsch nicht mehr reinlesen, war zwar nicht zu müde, sondern einfach unterwegs.
    Ich will versuchen, einen Punkt meiner Argumentation noch mal klarer dazustellen und dann will ich noch auf eine Frage von @smartie eingehen.
    Wenn euch das langweilt oder ihr meint, das sei hier nicht der Platz für solcher Art Debatte – einfach sagen, ich kann das auch in meinem eigenen Blog als größeren Text darstellen.

    „Struktureller Antisemitismus“: Ohne einen kurzen Blick in die „Herkunft“ des modernen Antisemitismus ist der Begriff natürlich kaum zu verstehen. Der Antijudaismus als historischer Vorläufer des modernen Antisemitismus ist sehr alt und geht auf die Wandlung des frühen Christentums in eine römische Staatskirche zurück – erst ab diesem Zeitpunkt wurden „die Juden“ als „Christusmörder“ verfolgt und mit gern als Sündenböcke für alle möglichen Katastrophen verantwortlich gemacht (im Mittelalter gemeinsam mit allen Häretikern, also „Gotteslästerern“, zu denen freilich auch Hexen und Zauberer gezählt wurden). Für die Juden hatte das in Europa die Folge, dass sie auf „Erwerbszweige“ abgedrängt wurden, die im offiziellen christlichen Verständnis als „unehrenhafte Berufe“ angesehen wurden: Geldverleiher, Geldwechsler, fahrende Händler. Das geschah per Gesetz oder Erlass – und führte dazu, dass im allgemeinen Bewusstsein „die Juden“ mit Wucherzinsen, mit Betrug und Unstetigkeit gleichgesetzt wurden. Sie waren die Parias, die das machen sollten/mussten, womit sich der „gute Christ“ nicht die Finger schmutzig machen wollte, was aber doch jeder Kaufmann und König ständig brauchte: Geld, Kredit. Und dieses negative Bild, das nicht den einzelnen, sondern immer „die Juden“ meinte, ist die „historische Fundsache“, wie es Postone nannte.
    Mit dem entstehenden Kapitalismus (etwa ab 16. JH) setzen sich – unbewusst und vor allem: unverstanden! – als gesellschaftliche Fetischkonstitution (meint: ein unverstandenes Herrschaftsverhältnis) etabliert, erwächst den Menschen eine ihnen unbekannte und unverständliche „Macht“, die alle ihnen bis dahin bekannten Lebensregeln außer Kraft setzt (es sind zwar die Menschen, die diese „Macht“ etablieren, nur geschieht das „hinter ihrem Rücken) und nach und nach nur noch den Gewinn, den geldwerten Vorteil als Lebensgesetz akzeptiert. Gegen diese abstrakte, nicht durchschaubare Macht richtete sich ihr Hass – und zumindest an der gesellschaftlichen Oberfläche ließ sich alles „auf das Geld“ zurückführen. Und da lag eine Verbindung zum alten Antijudaismus nicht fern – das war dann, in den uns bekannten Formen sicherlich in das 18. und 19. JH zu datieren, die „Geburtsstunde“ des modernen Artisemitismus.
    Der moderne Kapitalismus, in dem wir leben (müssen), hat nun alle Lebensregungen dem abstrakten Gebot der unbedingten Verwertung unterworfen („alles muss sich rechnen“). Dass wir es hier mit der wiedersprüchlichen Selbstbewegung des Kapitals zu tun haben, das nur existieren kann, in dem es sich „auf immer höherer Stufenleiter“ (Marx) verwertet (aus mehr Kapital noch mehr Kapital machen – „Wachstumszwang“), wird aber in der Gesellschaft genausowenig erkannt wie die Tatsache, dass „das Kapital“ ein gesellschaftliches Verhältnis ist, in das alle eingebunden sind und das wir alle jeden Tag reproduzieren. Es tritt uns eben kein konkreter, an jemanden adressierbarer Zwang zur Reproduktion der gesellschaftlichen Verhältnisse entgegen, sondern der „stumme Zwang der Verhältnisse“ – sie sind (auf den ersten Blick) nur in ihren Auswirkungen erfahrbar; die Gründe bleiben (auf den ersten Blick) abstrakt und „unverstehbar“. In dieser scheinbaren „Unverstehbarkeit“ liegt der Drang begründet, „jemanden“ ausfindig zu machen, der an den eigenen Leidenserfahrungen Schuld ist. Und da gerade heute „das Geld“ (das doch nur die notwendige Erscheinung des Wertes darstellt) alles dominiert und „ein richtiger Umgang mit ihm“ scheinbar alle Fragen lösen könnte, ist es naheliegend, Banker, Spekulanten, korrupte Politiker für die Krise des Systems verantwortlich zu machen – die Kritik meint unbewusst und ungewusst das Kapital als eine gesellschaftliche Struktur, bleibt aber, da sie (die Kritik) sich selbst nicht versteht, an den Personen hängen. Und mit dem tief in der Gesellschaft verwurzelten historischen Erbe der Judenfeindlichkeit und der Identifizierung „der Juden“ mit „dem Kapital“ lauert eben, strukturell bedingt, bei einer Fokussierung gesellschaftlicher Kritik auf einzelne Personen, der Antisemitismus, der „strukturelle Antisemitismus“. Es ist halt nicht weit von der Schuldzuweisung an die „Ackermänner“ (die doch „nur“ funktioniert haben, wie es die Kapitallogik verlangte) bis zur „jüdischen Weltverschwörung“ etc.

    Hoffentlich nicht zu lang geworden – dabei ist auch diese Darstellung noch eine (notwendig) verkürzte…:)

    Und dann noch zu Deinem Punkt, @smartie: „Es geht doch einfach darum, dass es möglich sein muss, Kapitalisten auch moralisch ihr Fehlverhalten vorzuwefen, oder?“

    Ich setze mal eine Gegenthese: Es ist möglich und vor allem notwendig, die Leute zu kritisieren, die immer noch und immer wieder meinen, sich entweder als Funktionseliten oder als Arbeitstiere dem Funktionieren einer unmenschlichen und krisenhaften Gesellschaft zur Verfügung stellen zu müssen!

    Du bringst da eine große Kategorie ins Gespräch: Moral! Was aber ist Moral? Ein „ewiges Wertesystem“, in dem Gut und Böse klar geschieden sind? Schön wär´s und schön einfach. In Wirklichkeit ist Moral eine historisch konkrete Rechtfertigungsideologie, mit der ein Mindestkonsens geschaffen wird, der zur Aufrechterhaltung der jeweiligen gesellschaftlichen Verhältnisse erforderlich ist. Historisch meint: Es gibt keine ewig gültige Moral, sondern sie ist immer an die jeweiligen gesellschaftlichen Verhältnisse gebunden (zugleich ihr Produkt und eine ihrer Voraussetzungen). Und im heutigen modernen Kapitalismus ist die höchste Moral: Verwerte Dich! Und zwar erfolgreich. Und ohne Rücksicht auf deinen Mitmenschen, auf die Umwelt. Nimm teil am Verwertungsprozess: Arbeite, Konsumiere. Arbeite wieder, um zu konsumieren. Konsumiere, um arbeiten zu können. Das ist die Moral dieser Gesellschaft.
    Nun schleppt heutige gesellschaftliche Moral aber auch andere Begriffe mit sich, z.B. Gerechtigkeit. Im „linken“, meist nicht weiter begründeten Verständnis bedeutet Gerechtigkeit gleiche oder eine angemessene, weil für ein selbstbestimmtes Leben ausreichende Teilhabe am gesellschaftlichen Reichtum. Gerechtigkeit meint also auch bei der derzeitigen Linken gerechte Verteilung, aber eben IM Kapitalismus. Das ist nicht verwerflich, aber eben eine dem Kapitalismus immanente Forderung.

    Herr Ackermann dagegen findet es – im gleichen moralischen Kontext – als völlig gerecht, dass er – wenn er seinen Aktionären Milliarden Gewinn verschafft hat – ein paar Promille davon als Jahresgehalt für sich vereinnahmt. Und empfindet jede Kritik daran als „leistungsfeindlich“. Er befindet sich damit auf gleicher Ebene wie seine moralisch argumentierenden Kritiker: Seine Kritiker wollen/können nicht durchschauen, dass Ackermann „nur“ optimal funktioniert hat im Sinne der Kapitalverwertung -und Ackermann kann/darf sich selbst nicht eingestehen, dass er nur funktioniert hat und dass das Funktionieren der Deutschen Bank zu einem Teil des Elends in der Welt beiträgt, zumal sich doch die Deutsche Bank ständig mit Wohlfahrtsprojekten ihrer sozialen Verantwortung brüstet.
    Und außerdem hat sich Ackermann in seinem Verständnis eben kein Fehlverhalten vorzuwerfen…

    Weißt Du, @smartie, die Kritik „an den Kapitalisten“, auch die moralische, können diese Leute einfach wegstecken – machen sie auch. Gefährlich wird die Kritik erst, wenn sie nicht Herrn Ackermann und Konsorten meint, sondern die gesellschaftlichen Verhältnisse. Die Typen wie einen Ackermann produzieren – aber auch die vielen Kleinaktionäre der Deutschen Bank, die morgens um ihren Job bangen und abends ein wenig mit spekulieren wollen. Oder all die Leute, die nicht mehr in der Lage sind, menschenwürdiges Wohnen, gesundes Essen, Bildung, Kunst und Kultur unmittelbar zu fordern, sondern nur noch nach „Arbeit“ rufen können, damit sie für ihre „Arbeit“ Geld bekommen, mit dem sie sich dann Wohnung, Essen, Bildung, Kunst und Kultur „kaufen“ können. Lass uns doch das unmittelbare sinnvolle Leben für alle fordern – mit den heutigen Möglichkeiten wäre es für alle weltweit machbar. Freilich ohne Kapital.
    Und „die Kapitalisten“? Schau sie Dir doch mal an, diese Typen. Das sind doch eigentlich arme Schweine. Die können sich alles nur in Geld und in Verwertbarkeit denken, sind ständig Getriebene. Und kriegen Schmerzensgeld, das sie nicht einmal sinnvoll ausgeben können. Möchtest Du so leben? Ich nicht. Lass doch die Typen beiseite. Stell die Frage nach den gesellschaftlichen Verhältnissen. Wenn wir die aufheben, sind diese Typen doch nur noch lächerlich. Auch wenn sie uns heute zu Recht aufregen und ankotzen…

    Herzliche Grüße in die Runde.
    Ich hoffe,ihr verzeiht mir, wenn ich etwas ausführlicher geworden bin… und wie gesagt, wenn es euch auf den Keks geht oder ihr das hier einfach für zu lang oder langweilig haltet: Klares Wort und ich bin weg – entweder auf meinen Blog (Zeiten-Wandel, auch hier bei Blogsport) oder in unseren anderen Zusammenhängen (wwww.exit-online.org; wkb.blogsport.de oder www.das-blaettchen.de).

    Thomas

  18. 18 Thomas M. Wandel 16. Februar 2011 um 22:42 Uhr

    Naja, zwischenzeitlich habe ich die interessanten Texte von Schorsch gelesen (Du regst Dich viel zu sehr auf, @umwerfend :), Streit ist doch die Würze jeder kritischen Auseinandersetzung.) und entschuldige mich nicht mehr für gewisse Längen…
    Schorsch würde ich im Übrigen, zumindest auf der Ebene, auf der er argumentiert, weitestgehend zustimmen.

    TMW

  19. 19 umwerfend 16. Februar 2011 um 23:26 Uhr

    Wenn euch das langweilt oder ihr meint, das sei hier nicht der Platz für solcher Art Debatte

    nein. aber ich habe schon wieder keine zeit. dauert also alles ein paar tage bei mir.

    bis dann!

  20. 20 tee 17. Februar 2011 um 15:05 Uhr

    Und „die Kapitalisten“? Schau sie Dir doch mal an, diese Typen. Das sind doch eigentlich arme Schweine. Die können sich alles nur in Geld und in Verwertbarkeit denken, sind ständig Getriebene. Und kriegen Schmerzensgeld, das sie nicht einmal sinnvoll ausgeben können. Möchtest Du so leben?

    Das erinnert mich spontan an dieses Lied. Jedes Mal rege ich mich tierisch darüber auf.

    Denn: Die Verlierer_innen dieser Konkurrenzgesellschaft rechtfertigen ihren schlechten materialistischen Stand mit der Genugtuuung, daß es den Bessergestellten dann eben sozial schlechter gehen müsse („denn im Herzen verhungern sie“). Diese Sichtweise entspricht nur nicht der Wahrheit, denn reichen Menschen geht es oftmals auch persönlich sehr gut, sie haben intakte Familien, Freunde, schlafen ruhig und zufrieden. Das aber lügen sich die Vertreter_innen der Armutsmoral so zurecht, daß sie sich plötzlich auf der Gewinnerseite wiederfinden. Denn schließlich kann es ja nicht angehen, daß es anderen in allen Belangen besser geht, gehört man selbst doch zu den Guten.

    Daraus folgt dann auch die typische Hippie-Attitüde, die Menschen mit etwas mehr Geld automatisch zu moralisch schlechteren Menschen abstempelt, sowie oftmals zu einer Verzichtsmoral. Da wird dann eben auf schöne Sachen verzichtet, weil materialistischer Reichtum ja soziale Armut bedeute.

    Was mich daran aber aufregt, ist die Beschwichtigung, der fehlende, kompensierte Neid auf die reichen Leute. Kurz – der unterdrückte Klassenhass. Denn nur mit einer gehörigen Portion Hass stehen die Leute auch mal auf und wehren sich gegen die Verhältnisse, in denen wenige sehr gut und viele sehr schlecht wegkommen.

  21. 21 earendil 17. Februar 2011 um 15:43 Uhr

    Mensch umwerfend, Smartie ist doch kein Fake, nur – sorry – ein bisschen naiv.

    @Thomas: Deine Beiträge sind ein schönes Beispiel dafür, wie man wertkritisch die Bedeutung der Klassengegensätze aus dem Kapitalismus herausstreicht. Sowohl Kapitalist_innen als auch Arbeiter_innen sind der Kapitallogik unterworfen, alle wollen bei der Verwertung mitmachen, alle sind „Charaktermasken des variablen Kapitals“. Kein Wort mehr davon, dass sich der jeweilige Wille unter ganz unterschiedlichen Voraussetzungen bildet, und dass die Zwänge der Kapitallogik höchst unterschiedliche Resultate hervorbringen. Frau Swarovski wird durch nichts und niemanden gezwungen, ihr Eigentum (sic!) als Kapital zu verwerten; der_die Arbeiter_in hingegen muss sich (sic!) verwerten, will er_sie nicht in der Gosse pennen.

    Der Tiefpunkt solch nivellierender Betrachtungsweise ist dann die Bezeichnung von Kapitalist_innen als „arme Schweine“. Nein, Kapitalist_innen sind keine armen Schweine, sondern allenfalls arm machende Schweine!

    (Nicht dass mit solchen moralischen Empörungen normalerweise irgendwas gewonnen ist. Gegen die Verklärung von Kapitalist_innen zu Opfern des Kapitalismus aber doch schon einiges.)

  22. 22 tee 17. Februar 2011 um 17:12 Uhr

    Mensch umwerfend, Smartie ist doch kein Fake, nur – sorry – ein bisschen naiv.

    möglich, möglich. erinnert mich an den frühen strangeboy oder wanna … :D

  23. 23 earendil 17. Februar 2011 um 20:36 Uhr

    Wer auch immer das ist oder war. Kenn mich ja in deinem Freundeskreis nicht so aus. :-"

  1. 1 Mit „Marx“ hinter Marx zurückfallen « Schorsch’s online Journal Pingback am 15. Februar 2011 um 0:58 Uhr
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