Da muss man durch

Wie? Im Lotto was gewinnen? –
Eher träfe dich der Blitz!
In der Planwirtschaft dagegen
wird für dich gesorgt – kein Witz!

Ein lustiger Reim am Rande hat noch nie geschadet. Trotzdem, davon wieder einmal und – so kommt es einer dann doch vor – eigentlich ewig unberührt, spielen viele Menschen Lotto. Lotto spielen sie, weil ihnen ein Lotto-Gewinn, Blitz hin, Blitz her, wahrscheinlicher vorkommt, als bei der ganz gewöhnlichen Lohnarbeit zu was zu kommen. Zumindest kann man es mal probieren, daher legt man ein paar Euros hin, jede Woche wieder. Das summiert sich irgendwann auch.

Es gibt ja den Spruch: Mit ehrlicher Arbeit wird man nicht reich. Nicht in allen, aber in manchen Kreisen – und das sind keine kommunistischen, eher schon solche enttäuschter Sozialdemokrat/innen mit Anhängsel – hat sich dieser Spruch leicht gewandelt: Mit Arbeit wird man nicht reich. Nach ca. 20 Jahren der stagnierenden, wenn nicht gar sinkenden Löhne, gleichzeitig wachsendem Arbeitsdruck und mehr und mehr Überstunden, rührt sich bei manchen der Zweifel: Wird es überhaupt besser, wie man immer sagt? Mit 30 oder 40 oder 50 oder 60? Der Blick in die (Online-)Zeitung beseitigt den Zweifel nicht: Die Älteren sind oft arbeitslos oder stecken in einer kärglichen Invaliditätspension. Und das Pensionsantrittsalter soll erhöht werden. Also das Ganze bis 70 oder so ähnlich.

„Das Ganze“ heißt nicht für alle, aber für Viele: Montagfrüh auf, um aufs Wochenende zu hoffen. Psycholog/innen wissen zu berichten: Sonntags, besonders gegen Abend, kommt bereits schlechte Laune auf1. Und bis zum Montag wächst sich das zum sogenannten „Montags-Blues“ aus.

Montagmorgen, acht Uhr in Deutschland, überall dasselbe Bild: Arbeitsunlust, verquollene Augen, miese Laune – Katerstimmung in der Belegschaft. „Montags-Blues“ nennen Wissenschaftler das Massenphänomen.

Drei Viertel von 885 Befragten bezeichneten sich selbst als Montagsmuffel, so das Ergebnis einer Umfrage des Hamburger Marktforschungsinstituts Ears and Eyes. Jeder Achte gab sogar zu, Montagmorgen jedes Gespräch mit Kollegen oder Kunden zu vermeiden, weil es ihn nervte. Bis Mittag waren die Leute psychisch schlicht nicht anwesend.

Wie man dem Inhalt, der sich hinter dem zweiten Link verbirgt, entnehmen kann, ist am Montags-Blues das Wochenende schuld. Naja, vielleicht, streng genommen, doch die Arbeitswoche? Mir scheint es so:

Wenn jemand unter großem Druck steht, schüttet der Körper zahlreiche Hormone aus, die ihn tapfer durchhalten lassen, bis der Schreibtisch leer gearbeitet, die Präsentation fertig oder die Prüfung geschrieben ist. Warum der Organismus das so lange Zeit schafft, lässt sich medizinisch nicht erklären. Sicher ist nur, dass dieser Hormoncocktail zugleich das Immunsystem schwächt, so dass jede längere Anspannung den Körper auslaugt und danach kollabieren lässt – bei den einen passiert das pünktlich mit dem ersten freien Tag, bei anderen zieht es sich noch etwas, was zugleich die häufigen Montagsfehltage erklärt.

Die ganz gewöhnliche Arbeitswoche schwächt also aufgrund des massiven Drucks das Immunsystem – und am Schluss kollabiert man dann, praktischerweise meist bei Beginn des Wochenendes; blöd nur, wenn man nicht genesen kann bis Montag, das freut die Chefs gar nicht. Man sollte daher am Wochenende keineswegs ausgehen und Freund/innen treffen, sondern sich vielmehr krank ins Bett legen, Vitamine zu sich nehmen und Champignons essen (ersetzen Sonnenschein!), damit man am Montag die Chefs nicht enttäuscht und ja nicht während der Woche kollabiert. Googelt mal, man findet noch weitere Tipps. Die gibt’s wie Sand am Meer, diese Tipps für die dauerkranken Hackler/innen. Man sollte diese berücksichtigen, denn: der Montags-Blues ist auch die Ursache dafür, dass es am Montag die meisten Selbstmorde gibt. Kein Scherz. Und man muss ja durch, oder?

Es gibt selbstverständlich auch Tipps gibt für „Arbeitsmuffel“ im Allgemeinen. Mit sowas lässt sich schließlich Geld machen, da coacht man dann die gestressten Muffel. Ja, die legen Geld hin, damit man sie wieder in die Lage versetzt, Geld reinzukriegen durchs Arbeiten für Kapitalist/innen.
Da gäbe es z.B. die „12 kognitive[n] Möglichkeiten zum Aufbau einer positiven Arbeits-Einstellung“ von Rudolf Sponsel. Das wichtigste ist, sich einzuschärfen:

In meinen Gedanken bin ich frei, absolut frei.
Ich kann die Perspektive wählen, die ich will.

Und dann geht’s schon los mit den Sprücherln, z.B.: „Ich mache, tue, handle.“ Oder, noch besser: „Ich gestalte, forme, verarbeite.“ – Da geht’s einer gleich besser! Aber ob’s auf Dauer hilft? Kein Problem, es gibt zur Not auch noch die Kirche2. Man lese:

Als Christen leben wir aus der Verheißung, das[s] Arbeit nicht notwendiges Übel zum Überleben darstellt, sondern ihre höchste Vollendung in der Mitwirkung an der Schöpfung Gottes erhält.

Und mit etwas Beten gewinnt man dann vielleicht im Lotto, und das Problem ist gelöst.

  1. Mittlerweile lebe ich zum Glück mit „arbeitsscheuem Gesindel“ zusammen, für das jeder Tag Wochenende ist, aber früher wurde ich jeden Sonntag mit extrem schlecht gelaunten Mitbewohner/innen und ihrer Jammererei konfrontiert. „Montag, Hilfe!“, jede Woche wieder.[zurück]
  2. Die Psycholog/innen der Uni Zürich bzw. die Personen, die da den Internetauftritt der Abteilung „Angewandte Psychologie – Life-Management“ managen müssen, sehen das auch so: „Möge uns Gott, Allah, Buddha, Krishna oder wer auch immer montags also bitte besonders beistehen.“ [zurück]