Archiv für Oktober 2010

aber sicher doch

Ich glaub‘ der Großteil der potentiellen und auch tatsächlichen Zuschauer_innen, die den Film gesehen haben und nichts an den darin dargestellten Verhältnissen auszusetzen hatten, würde urplötzlich zu glühenden Verteidiger_innen der Gleichberechtigung werden, wenn das Ehepaar muslimisch wäre und Yvonne vielleicht noch Fatima heissen würde… und dann gefragt hätte warum sie keine Männer als Freunde haben darf.

genau so ist es.

politjustiz

alle paar wochen schau ich da vorbei und amüsiere mich über ein paar neue gutachten und vorwürfe gegen m. balluch.

ich denke da zB an jene jagdhütte in der ein nicht genehmigter ofen ohne ordentlichen luftabzug eingebaut war und die dann irgendwann abgebrannt ist.

der brandstifter war natürlich herr balluch, weil er sich in diesem zeitraum im umkreis von 50km von der jagdhütte befunden hat.
beweise oder indizien gibts dafür natürlich keine – aber anklagen kann man ja mal!

Stimmt, das ist wirklich haarsträubend. Zumal Balluch gar nicht am selben Tag, sondern zwei Tage davor etliche km weiter weg unterwegs gewesen sein soll & die Tatzeit (eigentlich ja keine Tat wenn es sich um eine Ofenüberhitzung handelt) wurde einfach um zwei Tage verängert damit Balluchs Aufenthalt in die nunmehr ausgedehnte Zeitspanne noch reinrutschst.

Mein Highlight ist aber der Fall, wo einem der Betroffenen eine Sachbeschädigung vorgehalten wird, weil er – und jetzt muss man sich festhalten – mehrere Wochen vor dieser bei einem Sendemast in der Nähe des Tatortes (0,5km) für eine Min. eingeloggt war, jedoch einen privaten Anruf getätigt hat und dieser Sendemast mitten im 4. Bezirk auf den Weg zum Arbeitsplatz des Betroffenen stand.

Und so geht es vor Gericht die ganze Zeit, wenn nicht gerade diskutiert wird wie eine Meinungsäußerung von vor 15 Jahren zu verstehen sei.

Einer der Ermittlungsbeamten hat sich sogar erdreistet anzumerken, dass ja nur keine Beweise vorliegen würden weil die Leute so durchtrieben wären. Das Fehlen von Beweisen ist neuerdings also ein umso stärkerer Beleg für die Schuld!

DIE GOLDENEN REGELN DES DEUTSCHAUFSATZES (MG)

Viele Schüler fragen immer wieder: Wie schaffe ich es bloß, ein
guter Aufsatzschreiber zu werden? Liegt es an mir oder am Lehrer,
daß ich nie so recht weiß, worauf es dabei ankommt? Braucht man
dazu Talent, ist die Kunst erlernbar oder wird die Note ausgewür-
felt? Fragen über Fragen – auf die es zwei Antworten gibt.
Zuerst die gute Nachricht: Das Aufsatzschreiben ist erlernbar! Es
ist sogar gar nicht schwer. Man muß nur ein paar Regeln kennen
und befolgen – allesamt goldene Regeln, die wirklich auf jedes
Thema anwendbar sind.
Nun die schlechte Nachricht: Diese Regeln sind saudumm! Mit einer
Anleitung zu einem vernünftigen Urteil haben sie nämlich nichts
zu tun. Vielmehr zielt – wie sich im folgenden zeigen wird – die
„Fähigkeit zu fundierter und kritischer Meinungsäußerung“
(Lehrplan), die beim Aufsatzschreiben eingeübt werden soll, dar-
auf ab, daß der Schüler Fingerfertigkeit in der hohen Kunst des
staatsbürgerlichen Daherschwadronierens erwirbt. Er soll fähig
werden, sich zu allem und jedem (s)eine höchst unmaßgebliche Mei-
nung zu bilden und sich furchtbar verantwortungsvolle Sorgen um
unser aller Gemeinwesen zu machen. Das ist der Preis einer guten
Note im Deutschunterricht. Man muß schon tatkräftig unter Beweis
stellen, der anvisierten Verbildung des Verstandes erfolgreich
nachkommen zu wollen.
Trotz gewisser Bedenken wird hiermit exklusiv der garantiert
idiotensichere Katalog der Denkvorschriften und Argumentations-
techniken des Deutschaufsatzes – mit Beispielen, Lehrerkorrektu-
ren und Schreibanleitungen veröffentlicht (Haftung für die Noten
bei etwaiger Befolgung werden vorsorglich aber schon mal abge-
lehnt: die Noten geben schließlich die Pauker).

A. Einleitung
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Die innere Einstellung muß stimmen!
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Eines kannst Du Dir vorab schon mal merken: Sei allzeit bereit,
zu jedem Thema Stellung zu nehmen. Ob „Sollte die Schulbibliothek
von Schülern selbstverwaltet werden“ oder der „Todestrafen“-Klas-
siker auf modern: „Vor- und Nachteile des finalen Rettungsschus-
ses“, ob zum 7. Mal „‚Technik – Fluch oder Segen“ oder „Werbung
zwischen Information und Manipulation“, ob „Leben wir in einer
Freizeitgesellschaft“ oder „Nehmen Sie Stellung zum jüngsten
Skandal um hormonverseuchtes Kalbfleisch“ – all das und noch viel
mehr ist M a t e r i a l der schulischen Bewertung, und darum
hast Du den Griffel in die Hand zu nehmen und Dich dem Thema zu
s t e l l e n. Ob Du meinst, es geht Dich was an oder nicht, ist
egal. Falls Du meinst, es gibt weltbewegendere Dinge als „Pro und
Contra Raucherecke für Oberstufenschüler“, solltest Du Dir das
besser nicht anmerken lassen. Ob Dir die vorgegebene Fragestel-
lung einleuchtet oder bescheuert vorkommt, darf für Deine Bereit-
schaft, sie zu beantworten, keine Rolle spielen. Und daß Du wo-
möglich gar keinen guten Grund siehst, Dir den Kopf der Polizei
zu zerbrechen, solltest Du darum lieber nicht zum Argument ma-
chen, es bleiben zu lassen. Kurzum: Du kannst zwar das Thema ver-
fehlen, das Thema Dich aber nie!
Dem Gegenstand, zu dem Du Deine Meinung äußern sollst, 2 bis 5
Mal zu bescheinigen, daß er eine brandheiße, hochwichtige Angele-
genheit darstellt und ein grundlegendes Menschheitsproblem so-
wieso, ist unverzichtbares Handwerkszeug für jeden Deutschauf-
satz.
Aber Vorsicht! Das ist zwar einerseits sehr praktisch – man
braucht über Bundeswehr, Umwelt oder Werbung ja wirklich nichts
zu wissen, um darüber zu schwafeln, wie bedeutsam, wie „relevant“
(das hört sich immer gut an!), wie wichtig für uns alle sie sind,
muß aber andererseits beherrscht werden. Dieser von der Schule
eingeforderte g e n e r e l l e R e s p e k t vor jedwedem Ge-
genstand darf nämlich gerade nicht als die opportunistische
Pflichtübung dargeboten werden, die sie ist – inneres Interesse
am Thema der Klassenarbeit muß schon glaubwürdig vorgespiegelt
werden! Also: Nie den Anschein erwecken, daß die Sorge um die
Mannschaftsstärke der Bundeswehr oder die Frage des Nichtraucher-
schutzes Dich nur deswegen vom Hocker reißt, weil sie heute ge-
rade im Unterricht dran ist – das wird von korrigierenden
Deutschlehrern, die ihre Pappenheimer kennen, gnadenlos als
H e u c h e l e i entlarvt („Sie haben die Tragweite des Themas
nur rein äußerlich erfaßt“). Sondern: Immer so tun, als ob die
Sache erstens überhaupt ein Renner ist und zweitens Dich schon
von jeher im Innersten rührt – nur gekonntes Heucheln geht als
fundierte Sachkenntnis durch („Sie haben sich in die komplizierte
Thematik angemessen eingefühlt“).
Nun zur Anwendung des Gelernten.

Falsch
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„Was ist am Kalbfleisch denn des Scheene – doch net des Fleisch,
die Östrogene!“ (Dr. Dreist, 1983)
Seit Jahren ist die Tatsache vergifteten Fleisches, das aus deut-
schen Landen frisch auf den Tisch kommt, wohlbekannt. Seit ein
paar Monaten gilt es als „Skandal“. Worin der nun bestehen soll,
ist sehr aufschlußreich: in „kriminellen Machenschaften“. Welche
stinknormalen und erlaubten Rechnungen mit dem gewinnträchtigen
Wachstum der Viecher diese Machenschaften leiten, geht durch die
Frage nach „härteren Strafen für kriminelle Tierhalter“ völlig
verloren…

(„Ihre dreiste Polemik geht am Thema völlig vorbei. Wer ist Dr.
Dreist?)

Richtig
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Seit Jahren und in den letzten Monaten besonders ist das Problem
hormonverseuchten Fleisches ein hierzulande vieldiskutiertes
Thema. Die Frage „Härtere Strafen für kriminelle Tierhalter?“ ist
sicherlich ein bedenkenswerter Ansatz, um diesen Mißstand etwas
mehr in den Griff zu bekommen. In der Öffentlichkeit wird nun
eine sachgerechte Lösung solcher Auswüchse diskutiert, doch ist
man sich über geeignete Konzepte zur Eindämmung der Produktion
von ungesundem Kalbfleisch noch nicht einig…

Falsch
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Warum ich eine Meinung zu „Chancen der deutschen Wiedervereini-
gung“ haben und diese auch noch äußern soll, leuchtet mir nicht
ein. Das liegt allerdings nicht an mir, sondern an der sog.
„Frage“, mit der man im goldenen Westen von klein auf traktiert
wird. Bloß, weil ich einen Personalausweis der BRD besitze, soll
ich meine „persönliche Betroffenheit“ über die „Teilung“ darstel-
len? Nein, danke! Mir fehlt nichts…

(„Ein Besuch bei unseren Brüdern und Schwestern würde Ihnen sehr
gut tun!“)

Richtig
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Die höchst komplexe Frage der „Chance der deutschen Wiederverei-
nigung“ und des Problems der „deutschen Teilung“ soll uns, der
jüngeren Generation, ziemlich abhanden gekommen sein. Das ist si-
cherlich ein schwerwiegendes Problem. Aber auch wir Jugendlichen
von heute kennen nicht nur Disco und Mode, sondern wissen durch-
aus differenziert nachzuvollziehen, wie schmerzlich und doch tief
die deutsche Teilung deutsche Familien beschäftigt…

B. Hauptteil
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Bilde Dir eine ausgewogene Meinung – jein und amen!
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Nun geht’s an den Hauptteil der Erörterung. Du sollst Dich zu ei-
ner Meinung durchringen. Welche Meinung das ist, spielt im
Deutschaufsatz keine übermäßig große Rolle. Natürlich hat der
Lehrer bestimmte Vorlieben und es ist nie verkehrt, diese auch zu
kennen. Aber das ist eigentlich weniger wichtig. Die Hauptsache
ist, daß Du das total sture S c h e m a berücksichtigst und Dir
in Fleisch und Blut übergehen läßt, dem eine jede Darstellung
Deiner Argumente zu gehorchen hat. Wer den K n i g g e d e s
A u f s a t z s c h r e i b e n s nicht beherzigt, hat notenmä-
ßig von vornherein verschissen. Es geht nämlich nicht einfach um
das Abfragen einer Meinung, verlangt ist vielmehr die Kunst der
„ausgewogenen Meinungsäußerung“ (Lehrplan) – und das ist ein Un-
ding sondersgleichen!
Meistem wird bereits durch die Themenstellung selbst gehörig
nachgeholfen, welche Richtung Dein Denken nehmen soll: Du kannst
Dich zwar, sollst Dich sogar entscheiden, aber nur zwischen lau-
ter sehr eigenartigen Alternativen. Das geht ungefähr so:
– Du wirst liebend gerne gefragt, ob Du z.B. „Die Technik“ für
„Fluch oder Segen“ hältst. D i e Technik? Meint der jetzt ein
Moped oder eine Atombombe? Gut mitgedacht, Ackermann! Doch nun
gibt es 2 Möglichkeiten, weiterzumachen:

Falsch
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Ich kann die Frage nicht beantworten, da ein Urteil über „die
Technik“ ohne die Kenntnisnahme der Zwecke ihrer Entwicklung und
Anwendung gar nicht möglich ist.

Richtig
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Die Technik hat viele Vorzüge, birgt aber auch ihre Gefahren in
sich.

Je nachdem, ob Du Dich nun dafür entscheidest, die doofe Frage zu
kritisieren oder sie zum Leitfaden Deiner Antwort zu machen, ist
im Prinzip über Deine Note damit auch schon entschieden. Denn
während der eine sich nun vielleicht noch fragt, f ü r w e n
diese oder jene Technik N u t z e n o d e r S c h a d e n
bringt und nach welchen Gesichtspunkten ihrer Anwendung sie über-
haupt entwickelt wird, und damit immer mehr das gestellte Thema
verfehlt, denkt der andere Ackermann ebenso konsequent weiter,
ergeht sich in Menschheitsfragen des Kalibers, ob die Technik
mehr Vor- oder Nachteil ü b e r u n s gebracht habe – und kann
so in kürzester Zeit weder einen Tauchsieder von einer Rakete
noch einen Nutznießer von einem Betroffenen unterscheiden.
– Und weil das so ein wunderhübsches Lernziel ist, darfst Du
gleich im nächsten Aufsatz die Frage beantworten, „welche Vor-
und Nachteile Arbeitszeitverkürzung für unsere Volkswirtschaft“
haben könne, und im übernächsten über die „Folgen des Pillen-
knicks für unsere Verteidigungsfähigkeit“ nachdenken. Das Irre an
beiden Fragestellungen ist, daß Du sie – e g a l, ob Du mehr po-
sitive oder mehr negative Wirkungen entdecken solltest! – n u r
p a r t e i l i c h beantworten kannst: Dir soll gar keine Wahl
gelassen werden, Dich auf einen anderen Standpunkt als den der
„Notwendigkeit“ der d e u t s c h e n W i r t s c h a f t
u n d d e r B u n d e s w e h r zu stellen! Nach deren Grund,
Zweck und Nutzen wird nämlich gar nicht erst gefragt – das steht
explizit a u ß e r Frage! Auf dieser Grundlage lassen sich die
Schüler dann natürlich bequem dazu anleiten, k r i t i s c h e
Meinungen zu entwickeln. Wer sich auf diese Sorte Fragen einläßt,
zerbricht sich nämlich quasi automatisch den Kopf „unseres“ Ge-
meinwesens, sorgt sich um dessen Gedeihen und sieht s e i n e
Interessen dabei gut aufgehoben!

Falsch
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Da ich die Bundesrepublik eh nicht für verteidigenswert halte
(Gründe s. S. 1), ist mir die Fähigkeit dazu logischerweise egal.
Im übrigen finde ich die Frage nach den „Folgen des Pillenknicks
für die Bundeswehr“ ganz schön anmaßend, da sie den Anspruch des
Vaterlandes, daß unsere Jungs dazu geboren werden, für es zu
kämpfen und gegebenenfalls zu sterben, auch noch wie einen objek-
tiven Sachzwang verkauft, dem ich mich stellen sollen muß.

Richtig
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Die Abnahme der Geburtenzahlen in den Sechziger Jahren hat zu ei-
nem besorgniserregenden Engpaß für die Bundeswehr geführt. Es
gibt immer weniger männliche Rekruten, was das Problem mit sich
bringt, daß die Sollstärke von 495.000 Mann bei gleichlanger
Dienstzeit nicht erreicht werden kann. Politiker bemühen sich
seit Jahren, diesen Mißstand auszugleichen. Die Diskussionen über
die Möglichkeiten der Einberufung von Frauen in die Bundeswehr,
Verlängerung des Wehr- und Zivildienstes, usw. stehen in diesem
Zusammenhang. Ob es dabei immer gerecht zugeht, ist allerdings
sehr zu bezweifeln.

– Manchmal wird auch so getan, als ginge es um Dein persönliches
Interesse. Zum Beispiel: „Sollte ein Schüler in den Ferien arbei-
ten?“ Vorsicht, Falle! Damit ist nicht gemeint, ob Du gerne job-
ben willst. Das kannst Du vielleicht mal einfließen lassen, auch
eventuelle einschlägige Erfahrungen – aber nur um das der pädago-
gisch viel wertvolleren Frage unterzuordnen, ob es für die Cha-
rakterbildung eines anständigen Mitgliedes unserer Gesellschaft
s i n n v o l l ist, Ferienarbeit zu leisten. Und da spricht
dann natürlich einiges dafür, anderes hinwiederum dagegen… -
was aber gar nicht so wichtig ist: Hauptsache, Du erweist Dich
als fähig, Dein Interesse auf diese höheren „Gesichtspunkte“ zu
beziehen und endlos hin- und herzuwälzen…
Ganz grundsätzlich kannst Du Dich also bei jeder dieser Frage-
stellungen an folgendes Schema halten: Kein „Ja“ ohne „Aber“,
kein „Nein“ ohne „Vielleicht doch“, je mehr „Fürs“, desto mehr
„Widers“, und je mehr „Contras“ Dir eingefallen sind, desto mehr
„Pro“ müssen zu Papier – nur so geht „Ausgewogenheit“!
Daß Schüler durch das Strickmuster „zwei links – zwei rechts“
dazu angehalten werden sollen, „andere Standpunkte e r n s t-
z u n e h m e n und verschiedene Sichtweisen vorurteilsfrei zu
p r ü f e n“ (Lehrplan), ist also bestimmt nicht der Witz an
dieser Vorschrift.

C. Schluß
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Nach reiflicher Abwägung…
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Nun kommt das dicke Ende. Nachdem Du Dich redlich gemüht hast,
Dir in der Pose des neutralen Gutachters ungefähr genausoviele
Fürs wie Widers aus den Fingern zu saugen, jedem einzelnen Ge-
sichtspunkt bescheinigt hast, daß an ihm zumindest w a s
d r a n ist, sollst Du Dich nun zuguterletzt noch entscheiden,
welcher Seite Du denn nun eher zuneigst…
Also mußt Du Deine Stirn schriftlich in gewichtige Falten legen,
betonen, daß Du Dir die Entscheidung ganz gewiß nicht leicht
machst, beteuern, daß Du wirklich keinem Argument zu nahe treten
(es gar verwerfen) willst, aber „nach reiflicher Überlegung“ bist
Du doch der Meinung, daß Position X oder Y Dir mehr zusagt…
Der Sinn dieser Übung besteht eindeutig darin, daß der Lehrer
nochmals überprüfen möchte, ob Du glaubwürdig darstellen kannst,
daß Dein Geschreibsel auch wirklich v o n H e r z e n kommt,
ob Du Dich auf seine Fragestellung auch ganz e c h t
e i n g e l a s s e n hast oder bloß mal lustlos-mechanisch 5
Pros und 4 Contras abgespult hast. In diesem Sinne darfst Du
vielleicht sogar mal schreiben, daß Du „letztendlich“ total gegen
z.B. AKWs bist („auch wenn dadurch der Strompreis steigt“): Wenn
Du Glück hast, würdigt Dein Lehrer das als „begrüßenswertes Enga-
gement“; wenn Du Pech hast, hast Du den immer gewünschten „Schuß
Begeisterung“ zu sehr „verabsolutiert“ und „bloß aus dem Bauch
argumentiert“.
Und so tritt denn doch wieder Gerechtigkeit ein: Auch bei streng-
ster Befolgung der Schreibbeispiele aus der Rubrik „Richtig“ ist
von 1 bis 5 nämlich alles drin! Das R e z e p t, glaubwürdig zu
heucheln, daß man nicht heuchelt, ist schließlich ebenso schwer
zu befolgen wie die Anweisung, durch und durch „ausgewogen abzu-
wägen“ – weswegen letztendlich die Willkür, der Geschmack und der
Taschenrechner des Lehrers entscheiden!
Der kann Kritik in Form einer schlechten Note üben, ohne daß ein
kritisches Wort zur vertretenen Ansicht fällig wäre; er kann Lob
in Form einer guten Note aussprechen, ohne daß er ein einziges
gefallenes Argument als stimmig oder den letzten Stuß würdigen
müßte; und so ergibt sich die Notenskala über die Prüfung, ob ein
Schüler seinen Schreibknigge sehr gut, befriedigend oder mangel-
haft drauf hat, fast wie von selbst.
Das, woran die Schüler da gemessen werden, hat einen sehr wohl-
klingenden Namen: es ist die Tugend der T o l e r a n z! Sie
verlangt von jedem Schüler konsequente Beachtung der beiden
Hauptregeln der demokratischen Meinungsverkehrsordnung: des
G e b o t s, eigene und andere Meinungen vor jeder Befassung
schon einmal als relativ unerheblich zu würdigen, und des
V e r b o t s, sie überhaupt nach den fürs Denken maßgeblichen
Kriterien von richtig und falsch wahr- und ernstzunehmen. (Daß
bei so harmlosen Wörtchen wie „richtig“ und „falsch“ fast jedem
der berüchtigte Stein der Weisen einfällt, den man nicht mit
Löffeln essen soll, ist auch so eine Frucht dieser Erziehung zur
Geringschätzung des eigenen Kopfes: diese vielfältigen Bilder vom
Würstchen Mensch, der sich „anmaßt“, was kapieren oder kritisie-
ren zu wollen, stehen für nichts anderes als die Botschaft, es
darum lieber gleich ganz bleiben zu lassen.)
Bis in die letzten Sprachfitzel und -gewohnheiten hinein dürfen
sich Generationen von Schülern in Tausenden von Deutschaufsätzen
also in der demokratischen und ganz schön diffizilen Kardinaltu-
gend üben, ihre werte Meinung als durch und durch b e l a n g-
l o s e s Gelaber zu s c h ä t z e n! Auf diese Weise haben sie
wenigstens was fürs wirkliche Leben gelernt: e i n e Meinung
besitzen und sogar noch äußern zu d ü r f e n und gleichzeitig
Einsicht zu nehmen, daß diese dafür inhaltlich wie praktisch
höchst u n m a ß g e b l i c h zu sein hat – das ist eben der
Witz an der staatlichen Gewähr von Meinungsfreiheit!

wieder einmal gelogen: fpö



klick ^^

wirklich umwerfend …

… was sich da zusammengefunden hat im „compact magazin“: elsässer, das fähnchen im winde, eva herman, die apfelkuchenbäckerin, andre lichtschlag, herausgeber des bräunlichen ef-magazins, und so weiter.
gratuliere zum endstadium, elsässer. obwohl: bei dir weiß man ja, dass es immer noch schlimmer geht.